Der Markt für (einfache) Schutzmasken funktioniert? – Nein, mehr staatliche Regulierung ist nötig.

Vermummungsgebot, Profit mit Masken – und der Staat hält sich raus?

Wir sollen in der Öffentlichkeit einfache Gesichtsmasken tragen: Masken, auch Mundschutz, Mund-Nasen-Schutz, Alltagsmaske oder Community-Maske (Söder) genannt.[1] Bundeswirtschaftsminister Altmaier schätzt, dass man acht bis zwölf Milliarden Masken pro Jahr benötige, wenn diese bei der Arbeit, beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennah- und -fernverkehr getragen werden sollen. Altmaier will einen großen Teil der Masken in Deutschland produzieren lassen. Unternehmen sollen mit Finanzhilfen und Abnahmegarantien dazu bewegt werden, Masken herzustellen.
Homemade cloth face mask (04)

Hier stellen sich etliche Fragen: Kann „der Markt“ das Versorgungsproblem lösen? Oder bedarf es einer stärkeren staatlichen Steuerung? So plädiert die Partei Die Linke dafür, zumindest die Produktion für medizinische Schutzausrüstung in staatliche Hände zu legen. Der gesundheitspolitische Sprecher der Partei sagt am 2.4.2020: „„Ich fordere die Bundesregierung auf, endlich alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um den akuten Mangel an Schutzmaterialien für medizinisches Personal zu überwinden. Das Grundgesetz bietet die Möglichkeit, Enteignungen zum Wohl der Allgemeinheit vorzunehmen (Art. 14 GG) sowie Produktionsmittel zu vergesellschaften (Art. 154 GG). Bei lebensbedrohlichem Marktversagen, wie wir es derzeit beobachten, sind derartige Eingriffe in den Markt dringend geboten“.

Sehen wir uns den Markt für einfache Schutzmasken und vor allem für die wiederverwendbaren, aus Stoff gefertigten Alltagsmasken an. Den Markt für Einweg-Masken und medizinische Masken klammere ich hier aus, obwohl die Marktsegmente sicher zusammenhängen. Wer liefert die Masken zu welchen Preisen? Funktioniert die Versorgung, d.h., sind für alle Menschen genügend Masken vorhanden? Wird sichergestellt, dass die richtigen Mengen in der richtigen Qualität rechtzeitig produziert werden? Und auf welche Weise wird die Versorgung sichergestellt?

Nun mag man sagen: Einfache Stoffmasken kann jede/r, der oder die einigermaßen geschickt ist, selbst nähen. Oder man bittet Freunde, eine Maske anzufertigen. (Mir hat eine liebe Freundin eine selbstgenähte Maske geschenkt, danke auch auf diesem Wege.) Nehmen wir mal an, jede Bewohner*in braucht zwei einfache Stoffmasken (auskochen / heiß waschen ist notwendig), dann müssten wir rund 166 Mio. Masken nähen. Ich schätze, das haben wir noch nicht in Heimarbeit geschafft. Stellt sich die Frage: Wo kann ich Masken kaufen? Ich habe ein wenig im Internet recherchiert, wer Masken produziert, was sie kosten und wie lange die Lieferzeiten sind. Motiviert hat mich dazu auch ein Artikel des Tagesspiegel v. 17.4.2020 und ein Beitrag von Hans-Werner Oertel ebenfalls vom 17.4. mit dem Titel “Deutschland näht – Übersicht täglich aktualisiert! – Corona: Textilproduzenten stellen auf Mund-Nasen-Masken um”. Oertel schreibt: “Mund-Nasen-Masken: textile network dokumentiert die Produktionsumstellung der Textil- und Bekleidungsindustrie zum Schutz der Bevölkerung.”

Vorab ein wenig Markttheorie

Warum Theorie? Weil jeder Mensch eine Theorie darüber hat, wie ein Markt oder ein anderes Regulativ funktioniert. Theorien prägen unsere Wahrnehmungen von Problemen und Lösungen. Bereits die Frage: Funktioniert der Markt? ist voraussetzungsvoll. Warum fragen wir nach „dem Markt“? Wir setzen offenbar voraus, dass es so etwas wie einen Markt gibt und dass dieser etwas „regeln“ könnte. Eine nicht-marktliche Regulierung mag für viele Menschen nicht einmal mehr im Bereich des Denkmöglichen sein. Daher müssen wir uns klar machen, auf Basis welcher Theorie wir, insbesondere diejenigen, die für uns wichtige Entscheidungen treffen, Probleme wahrnehmen und Lösungen entwickeln.

In meinen Volkswirtschaftslehre-Vorlesungen habe ich eine Theorie gelernt, die nicht nur von den meisten Wirtschaftswissenschaftlern vertreten wird, sondern auch das Denken vieler PolitikerInnen geprägt haben dürfte, auch wenn sie die Theorie nicht in Gänze übernommen haben werden. Aus der Perspektive dieser weitverbreiteten Theorie – ich nenne sie hier Standard- oder Gleichgewichtstheorie – könnte man durchaus argumentieren, dass der Markt auch im Fall der Masken funktioniert. Die Nachfrage ist groß, das Angebot gering. Entsprechend steigen die Preise. Für die Einweg-Masken sind die Preise in kurzer Zeit von 5 Cent auf 50 Cent und mehr gestiegen (Der Spiegel vom 26.3.2020). Vor allem bei dem medizinischen Masken hat sich der Preis vervielfacht. Das ist aus der Sicht der Standardtheorie aber kein Problem. Die Preise müssen steigen, denn um die steigende Nachfrage zu decken, steigen Unternehmen, die bisher noch keine Masken produziert haben, in den Markt ein. Der höhere Preis ist dann eine Art Anreiz, dies zu tun.

Die Theorie, dass “die Märkte” im Allgemeinen funktionieren, beruht auf Annahmen: Alle Marktteilnehmer wissen alles (vollkommene Information), die Produkte sind homogen, es gibt also keine Qualitätsunterschiede. Man nimmt weiterhin an, dass es unendlich viele Anbieter und Nachfrager gibt. Die Unternehmen (Anbieter) bestimmen nicht die Preise, sie können sich nur in ihrem Angebot anpassen, sie sind Mengenanpasser. Und es ergibt sich ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und damit ein Gleichgewichtspreis, der immer der richtige ist, so lange man nicht in den Markt eingreift. Das Gleichgewicht ergibt sich unendlich schnell. Jede Nachfrage schafft sich blitzschnell ihr Angebot. Die Allokation, die Verteilung der Masken ist optimal, jede/r bekommt das, was er oder sie will.

Abgesehen davon, dass diese Annahmen kontrafaktisch sind, werden viele Aspekte der Realität nicht berücksichtigt: Dass jemand sich keine Maske kaufen kann, weil das Geld schon für Nahrungsmittel, Kleidung und Miete kaum reicht – nein, das ist nicht vorgesehen in der Theorie. Dass der Aufbau der Produktion, z.B. die Umstellung von Maschinen, seine Zeit dauert – nein, nicht vorgesehen in der Theorie. Darf der Staat eingreifen – nein, darf er nicht, denn das würde alles aus dem Gleichgewicht bringen. Internationaler Handel? Ist immer gut, weil vorteilhaft für alle Beteiligten.[2]

Die Annahmen dieser Theorie sind wie gesagt empirisch falsch. Das sagen auch die meisten Vertreter der Theorie, sie sehen darin aber kein Problem, sondern eine Lösung, eine Notwendigkeit. Sie argumentieren: Theorien müssen erstens vereinfachen (hier stimme ich zu), zweitens könnten sie auch mit kontrafaktischen Annahmen arbeiten, solange sie empirisch zutreffende Prognosen ermöglichen (hier stimme ich keineswegs zu, denn die Annahmen sollten m.E. immer empirisch zutreffend oder zumindest Annäherungen an die Realität sein). Als Quelle für diese dominante volkswirtschaftliche Theorie verweise ich hier der Einfachheit halber auf die Kritik daran.[3]

Nach dieser Theorie müsste man den Markt (oder wie man heute häufig hört: „die Märkte“) alles regeln lassen. Der Staat muss lediglich dafür sorgen, dass der Wettbewerb funktioniert, indem er etwa Monopole verhindert. Unternehmen entscheiden nach dieser Theorie, was und wieviel sie produzieren, der Preis ergibt sich dann und wird als der richtige angesehen. Wenn z.B. Höchstpreise vorgegeben würden, dann würde das dazu führen, dass das Angebot reduziert wird.

Wie sieht nun eine realistische Theorie aus? Der neueren Wirtschaftssoziologie[4] (z.B. Fligstein 2011 und Fligstein/McAdam 2015) zufolge sind Märkte durch Unsicherheiten gekennzeichnet. Wissen ist unvollständig, Anbieter und Nachfrager wissen nicht, wie sich die Zukunft entwickelt. Unternehmen können sich keineswegs immer rasch und schon gar nicht unendlich schnell anpassen. Diejenigen, die zuerst auf dem Markt sind, können auch erhöhte Preise verlangen. Für die Käufer ist das Angebot unübersichtlich, die Qualität der Produkte schwer einzuschätzen. Man nimmt auch an, dass die Produkte nicht homogen sind, d.h., dass man auf einem Markt unterschiedliche Qualitäten von Produkten findet. Man geht nicht davon aus, dass sich ein Gleichgewicht ergibt in dem Sinne, dass jeder das bekommt, was er will.

Die Anbieter wie die Nachfrager versuchen Unsicherheiten zu reduzieren. Daher kann man vermuten, dass auch Unternehmen nach “dem Staat” rufen könnten, der ihnen Absatzmengen und Preise garantiert. Auch könnten sich “Makler” herausbilden, die Markttransparenz zu schaffen versuchen und damit Geld verdienen. Grundsätzlich könnte auch dies der Staat tun. Aber in einem ökonomischen Regime, wie wir es derzeit in Deutschland haben, wird die vorherrschende Lösung sein, dass auch dies private Unternehmen machen. In Deutschland, so interpretiere ich Fligstein (2011), paktiert die Regierungskoalition mit der Arbeitgeberseite. Arbeitnehmer- und Konsumenteninteressen spielen nur insoweit eine Rolle, als deren Erfüllung positiv funktional für die Realisierung der politisch-ökonomischen Interessen der Herrschenden sind. Das Interesse zu konsumieren etwa, ist positiv funktional. Ein Interesse an kürzerer Arbeitszeit oder an besseren Arbeitsbedingungen ist nur dann berücksichtigenswert, wenn es den Interessen der Herrschenden dient. Man beachte: In dieser Theorieperspektive spielt auch der Staat und in wessen Interesse er handelt, eine wichtige und durchaus konstruktive Rolle.

Nach dieser Theorie müsste man nicht alles „den Märkten“ überlassen. Der Staat kann und muss unter Umständen mehr tun als nur für einen funktionierenden Wettbewerb zu sorgen. Da sich keine Marktgleichgewichte und Gleichgewichtspreise einstellen, dann kann es auch sinnvoll sein, dass Unternehmen Preise und Mengen vorgeschrieben werden. Man muss es nicht zwangsläufig den Unternehmen allein überlassen, über die Produktion von Gütern zu entscheiden. Höchstpreise beispielweise sind in dieser Theorie nicht von vornherein ein Problem, sie können durchaus sinnvoll sein.

Maskenmarkt: ein wenig Empirie (Beispiele)

Kommen wir nun von der Theorie zur Praxis oder zur Empirie. Wie sieht es auf dem Maskenmarkt aus? Ich konzentriere mich im Folgenden auf die einfachen, wiederverwendbaren Masken aus Stoff und klammere den Markt für Einweg-Masken sowie für medizinische Masken weitgehend aus. In einer weitergehenden Analyse müsste man natürlich den gesamten Markt mit einbeziehen, weil die eine Art von Maske bis zu einem gewissen Maße durch die andere substituiert werden kann. Wenn eben nicht genügend medizinische Masken vorhanden sind, muss man auf einfache ausweichen.

Wer bietet die einfachen Masken an?

Der Tagesspiegel weist in seinem Artikel interessanterweise darauf hin, dass im Online-Shop der Zeitung Masken angeboten werden: 10 Masken kosten 110 Euro, hergestellt von einer “Berliner Manufaktur”; Lieferzeit laut Webseite 5 Tage. Die Berliner Manufaktur ist das Unternehmen “Fahrer Berlin”, bei dem man genau diese Masken ebenfalls kaufen kann. Das Unternehmen vertreibt sonst Fahrradtaschen, nun lässt es Masken nähen und verkauft diese.

Nicht alle Unternehmen produzieren in Deutschland. Manche werben damit, in Deutschland zu produzieren, das Unternehmen Trigema etwa. 10 Masken kosten 120 Euro. Wer jetzt bestellt, muss warten: “Wegen der enorm hohen Nachfrage nach unseren Behelfs– (sic!) Mund- und Nasenmaske (sic!) produzieren unsere Werke derzeit auf Hochtouren. Dennoch können wir die riesige Flut an Bestellungen nicht innerhalb kürzester Zeit bewältigen. Daher bitten wir um Verständnis, dass wir Bestellungen ab 16.04.2020 erst ab Juni beliefern können.” (https://www.trigema.de/behelfs-mund-und-nasenmaske/)

In Jena ist das Tragen von Schutzmasken bereits jetzt vorgeschrieben. In Sachsen besteht ab dem 20. April landesweit Maskenpflicht. Mittlerweile produzieren auch kleinere Werke das gesuchte Produkt. So stellt z.B. das Unternehmen Funke Stickerei GmbH in Eibenstock, Sachsen neuerdings Masken her: 1 Maske kostet laut Webseite 4,95 Euro plus 5,80 Euro Versandkosten, 3 bis 4 Wochen Lieferzeit.

Der Oberlausitzer Textilhersteller Frottana (Großschönau, Landkreis Görlitz) stellt eigentlich Handtücher, Bademäntel und Badematten her und nun auch Schutzmasken. So schreibt die Freie Presse am 30.3.2020, die Behörde des Landkreises habe bei dem Unternehmen angefragt. Berichtet wird auch: “Einzelstückpreis hier: 4,46 Euro, wie eine Sprecherin des Landkreises unserer Redaktion auf Anfrage mitteilte. Ihr zufolge handele es sich sogar um “ein viren- und bakteriendichtes Produkt”, das ebenfalls kochfest und wiederverwendbar sei” (https://web.de/magazine/news/coronavirus/mundschutz-masken-geschaeft-coronavirus-34578850 v. 4.4.20). Auf der Webseite von Frottana (https://www.frottana.de/) konnte ich allerdings (am 18.4.2020) keine Bestellmöglichkeit für Masken finden.

Der Autozulieferer ZF in Friedrichshafen am Bodensee produziert Atemschutzmasken in China, der “Automobilwoche” zufolge für seine Arbeiter.

“Der Autozulieferer ZF in Friedrichshafen am Bodensee stellt seit Anfang März Atemschutzmasken in China her. Dazu habe das Unternehmen extra eine Maschine angeschafft, die täglich rund 90.000 bis 100.000 Stück herstellt, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt. ZF ist auf die Masken für seine rund 14.000 Mitarbeiter in den etwa 40 Werken in China angewiesen. Das Tragen eines Mundschutzes bei der Arbeit ist dort nämlich seit Ausbruch des Erregers Sars-CoV-2 vorgeschrieben. Ohne einen ausreichenden Vorrat hätte die Produktion eingestellt werden müssen. Mit der produzierten Stückzahl soll es möglich sein, dass die Arbeiter ihre Masken spätestens alle vier Stunden wechseln.” (https://www.automobilwoche.de/article/20200325/AGENTURMELDUNGEN/303259986/zulieferer-produzieren-schutzausruestung-not-macht-erfinderisch v. 25.3.2020)

Die Firma Lukip Sonnenschirme lässt in Polen Sonnenschirme für Restaurants und Cafés fertigen und vertreibt diese Produkte in Deutschland. Nun werden in Polen für das Unternehmen Masken produziert. Preis: 4,89 Euro pro Maske bei Abnahme von mindestens 50 Masken (https://www.lukip.de). Gegen Vorkasse, versteht sich.

Die Firma Tsarnos produziert eigentlich Hemden und Blusen und nun Masken. 10 „Premium-Masken“ kosten zusammen 85 Euro; 100 „einfache“ Masken 449 Euro.

Offenbar steigen etliche Unternehmen in die Produktion ein. Die Motive mögen vielfältig sein und auch in Kombination auftreten: Aufforderung durch die Behörden, Erwartung hoher Gewinne, Auslastung vorhandener freier Kapazitäten, auch eine ethische Motivation – etwas Gutes tun – ist nicht auszuschließen. Betrüger tummeln sich ebenfalls auf dem Markt. Der Spiegel berichtet am 24.3.2020, dass das Beschaffungsamt der Bundeswehr 6 Millionen Masken (in diesem Fall FFP2-Masken) bestellt habe, diese aber auf einem Flughafen in Kenia spurlos verschwunden seien.

„Weltweit ist das Geschäft mit Schutzmasken eine Goldgrube. Die schützenden Textilien werden wegen der Nachfrage gehandelt wie früher seltene Gewürze. Insider vermuten deswegen, dass der Hersteller nach dem Deal mit dem Beschaffungsamt vielleicht einen besseren Preis für seine Ware erzielte und die Masken dorthin verkaufte“ (Der Spiegel v. 24.3.2020)

Ein derartiger Markt bzw. seine Teilnehmer verlangen nach Regulierung. Wer übernimmt die Regulierung in Deutschland?

Massive Regulierung des Marktes- vor allem durch Konzerne?

Dem Tagesspiegel v. 17.4.2020 zufolge greifen Amazon und Ebay massiv in den “freien” Handel ein. Sie sperren “unseriöse Verkäufer” aus. Der Tagesspiegel schreibt, dass Amazon “Zehntausende von Angeboten gesperrt oder diese entfernt” habe; Ebay habe “mehr als eine halbe Million Artikel von seinem Marktplatz geräumt, 4,5 Millionen Produkte .. wegen überhöhter Preise blockiert und zahlreiche Verkäufer .. suspendiert”. Ebay verbietet Privatleuten den Verkauf von Medizinischen Schutzmasken und Desinfektionsmitteln. Nur noch zugelassene gewerbliche Verkäufer dürfen diese Produkte anbieten. Internationaler Versand und Auktionen sind verboten.

Regulierung ist offenbar notwendig. Die Regierung setzt aber auf marktliche Lösungen und allenfalls auf Regulierung entweder durch die Unternehmen selbst oder private Regulierungseinrichtungen. Die Arbeitsgruppe der Leopoldina betont gleich zu Beginn ihres Papiers, dass man an einer marktwirtschaftlichen Ordnung festhalten müsse und der Staat sich zurückhalten müsse:

„An einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung festhalten: Die in der Krise getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen müssen sobald wie möglich zugunsten eines nachhaltigen Wirtschaftens im Rahmen einer freiheitlichen Marktordnung rückgeführt oder angepasst werden. Dazu gehören der Rückzug aus Unternehmen, sofern krisenbedingt Beteiligungen stattfanden, und der Abbau der Staatsverschuldung.“ (Leopoldina 2020: 3).[5]

Zugleich wollen Unternehmen durch den Staat abgesichert werden (und die Bundesminister Scholz und Altmaier haben sich bereits zusagend geäußert):

Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie, sagt: „Wenn der Aufbau von Produktionskapazitäten in Deutschland politisch gewollt ist und es garantierte Abgabemengen zu fairen Preisen gibt, dann kann die Medizintechnikbranche solche Kapazitäten aufbauen.“ (https://www.welt.de/wirtschaft/article207325601/Masken-Kann-Deutschland-den-Bedarf-decken.html)

Private Makler koordinieren Angebot und Nachfrage

Aufgrund der Unsicherheiten auf dem Markt bilden sich private Plattformen heraus, die zwischen Angebot und Nachfrage makeln: So will das “Inc Intervention center” mit einem Team von 19 Menschen Angebot und Nachfrage zusammenbringen. “Wir brauchen stabile Supply Chains. Lokal.” (Video Webseite https://corona.kex.net/web/rescuesupply) v.18.4.20; siehe auch: https://invention-center.de/aktuelles/pressemitteilung-corona-kex-net-aktuelle-beschaffungsinitiative-von-engpassartikeln-zur-bekaempfung-des-coronavirus/).

Die Bundesregierung setzt auf ein „Open-House-Verfahren“. Das heißt im Wesentlichen, dass Anbieter sich auf einer Webseite über Ausschreibungen des Beschaffungsamtes des Bundesministeriums des Innern informieren und Angebote einreichen können. Anbieter legen ein Angebot vor, der Nachfrager kann es annehmen oder auch nicht. Verhandlungen über die Konditionen sind nicht vorgesehen.[6] Die Beschaffung der Masken wird von der Generalzolldirektion Zentrale Beschaffungsstelle der Bundesfinanzverwaltung abgewickelt. Karl Lauterbach (SPD) fordert dagegen die Etablierung einer Bundesagentur (https://www.businessinsider.de/wirtschaft/verbraucher/jeder-versucht-sich-zu-bereichern-drastischer-preisanstieg-bei-atemschutzmasken-lockt-betrueger-auf-den-markt/).

Was heißt das nun für die Funktionsfähigkeit von Märkten? Was müsste man ändern?

Erstens: Anders als in der volkswirtschaftlichen Standardtheorie angenommen wird, ist der Markt durch massive Unsicherheiten gekennzeichnet: Die Qualität der Masken ist schwer einzuschätzen, ob der jeweilige Preis für die entsprechende Qualität angemessen ist, lässt sich kaum sagen. Auch die Zuverlässigkeit der Lieferanten kennt man nicht. Die Unternehmen, die zuerst auf dem Markt sind, können hohe Preise verlangen und hohe Gewinne machen. (Zu berücksichtigen wären natürlich auch die Herstellungskosten.)

Zweitens: Die Regierung folgt allem Anschein nach eher der volkswirtschaftlichen Standardtheorie, auch wenn diese offensichtlich falsch ist. Dass der Markt der Masken nicht so funktioniert, wie ich es in den Vorlesungen gelernt habe und wie es heute noch dogmatischer als früher gelehrt wird, mag wenig überraschen. Dass sich aber die Regierung bei Entscheidungen über die Regulierung der Produktion an der Standardtheorie orientiert oder zumindest so handelt, überrascht mich doch. Vor allem hätte ich vom Koalitionspartner SPD anderes erwartet. Notwendige Vorgaben für Preise, Qualität und Mengen und eine Koordinierung der Produktion kann ich nicht erkennen. Die Regulierung überlässt man offenbar den Konzernen selbst und privaten Plattformen. Das Open-House-Verfahren dürfte ebenfalls eher durch die Vorstellung geleitet sein, dass marktliche Koordination im Vordergrund stehen muss.

Drittens: Unternehmen wollen Sicherheiten, sie wollen die Marktrisiken reduzieren. Risken bzw. Verluste sollen sozialisiert, d.h., von der Allgemeinheit getragen, die Gewinne sollen dagegen wie gehabt privatisiert werden. Eine Beteiligung des Staates am Kapital der Unternehmen und an den Gewinnen ist nicht vorgesehen. Dies halte ich für falsch. Warum nicht eine Beteiligung am Kapital (ggf. zunächst am Kapital der großen Kapitalgesellschaften)? Warum nicht eine höhere Besteuerung der Unternehmensgewinne? Und gerade keine Senkung der Unternehmenssteuern, wie sie jetzt u.a. von der Leopoldina-Arbeitsgruppe gefordert werden. Immerhin schließt die Leopoldina-AG stille Beteiligungen an Unternehmen nicht aus, das wäre ja schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nicht ausreichend. [7]

Viertens: Eine Produktion von Schutzmasken in Deutschland wird auch von der Regierung als erwünscht kommuniziert (https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-olaf-scholz-kuendigt-produktion-von-schutzmasken-an-16705307.html v. 31.3.20). Warum überlässt man dann nach wie vor Unternehmen die Entscheidung, ob sie in China oder Polen produzieren? Bundesinnenminister Seehofer will eine Produktion in Deutschland immerhin über ein Gesetz erreichen. Bundesfinanzminister Scholz setzt wohl eher auf finanzielle Anreize (die die Allgemeinheit dann an die Unternehmen zahlen muss), so erinnere ich eine Aussage von ihm in einer der letzten Anne-Will-Talkshows.

Fazit

Der Markt der Masken zeigt: Ein unregulierter bzw. nicht vom Staat regulierter Markt führt zu schlechten Ergebnissen. Das notwendige Angebot ist nicht oder zumindest nicht rechtzeitig vorhanden. Die Preise sind (zu) hoch (die Qualität ist schlecht einzuschätzen). Neben vermutlich gutmeinenden, kleinen Unternehmen, die ihre Produktion umstellen, gibt nicht vermutlich wenige, die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, und dabei handelt es sich nicht nur um Betrüger.

Zugegeben: Welche Art von Regulierung und welches Ausmaß sinnvoll ist, lässt sich nicht leicht beantworten. Aber darüber nachdenken müssen wir. Neu ist die Diskussion über die Steuerung von Märkten keineswegs (siehe dazu auch den Beitrag von Hans-Jürgen Urban in der Frankfurter Rundschau v. 19.4.2020, der Wirtschaftsdemokratie und die Einrichtung von „Transformationsräten“ vorschlägt).

Ich fürchte, dass nach den Erfahrungen dieser Krise vielleicht die richtigen Lehren gezogen, aber nicht gegen die Herrschenden umgesetzt werden können. Denn die politischen Kräfteverhältnisse und Interessen werden sich nach der Krise nicht ändern. Auf eine Änderung des Bewusstseins bei den Herrschenden kann man nicht setzen. Bei den Kräfteverhältnissen liegt der Ansatzpunkt für Veränderungen. Leicht gesagt, schwer getan.

Anmerkungen

  1. Da ich auch schon den Begriff “Volksmaske” hörte, suchte ich im Internet danach und kam dann zuerst auf Seiten, die alte Wehrmachts-Gasmasken liefern.
  2. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, dass man in Gesprächen über diese Theorie von zumindest denjenigen, die nicht Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert haben, kaum verstanden wird, wenn man diese Theorie darstellt und kritisiert. Das liegt daran, dass die Gesprächspartner nicht glauben mögen, dass es Wissenschaftler*innen gibt, die ernsthaft solche Theorien vertreten und lehren. Auch ansonsten gebildete Gesprächspartner*innen halten die Darstellung der Theorie durch den Kritiker für eine polemische Übertreibung und reagieren mit: „Das kann doch gar nicht sein, dass jemand das glaubt; Du übertreibst“. Und man geht kaum darauf ein, was denn daraus folgt, wenn Wirtschaftswissenschaftler die Wirklichkeit aus der Perspektive dieser falschen Theorie wahrnehmen und gestalten.
  3. Peukert, Helge (2018): Mikroökonomische Lehrbücher. Wissenschaft oder Ideologie? Metropolis-Verlag: Marburg; van Treeck, Till/Urban, Janina (Hrsg.) (2017): Wirtschaft neu denken. Blinde Flecken in der Lehrbuchökonomie. iRights Media: Berlin (kostenloser Download hier: http://www.fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/Blinde_Flecken_der_Lehrbuchoekonomie_klein.pdf.
  4. Ich orientiere mich vor allem an den Arbeiten von Neil Fligstein. Siehe dazu Fligstein, Neil (2011): Die Architektur der Märkte. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden; Fligstein, Neil/McAdam, Doug (2015): A theory of fields. Oxford University Press: Oxford)
  5. Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften (2020): Dritte Ad-hoc-Stellungnahme: Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden. Online: https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_%C3%BCberwinden_final.pdf [18.04.2020].
  6. Siehe zur Ausschreibung über die „Lieferung von Schutzausrüstung“ (in diesem Fall FFP2-Masken) https://www.evergabe-online.de/tenderdetails.html;jsessionid=9A4A9BC8DAD5D739B40E3BA1B3E19002.app202?0&id=320436
  7. Die Leopoldina-Arbeitsgruppe schreibt: „Staatliche Beteiligungen sollten nur im äußersten Notfall zur Stabilisierung von Unternehmen eingesetzt werden und ohne zusätzliche industriepolitische Ziele auskommen, ggf. sollten sie eher als stille Beteiligungen ausgestaltet sein“ (Leopoldina 2020: 17).

New Website: “Resources in Personnel Economics”

Peter Kuhn, Professor of Economics at the University of California Santa Barbara, announces a new website about “Personnel Economics“. (Thanks to Uschi Backes-Gellner for the information.)

Peter writes:

“I’m delighted to announce the release of a new, free online resource for researchers and instructors in Personnel Economics.
Resources in Personnel Economics is a searchable website that supplies a curated, annotated, and hyperlinked set of references to key articles in the field. As part of my ongoing efforts to support my course and textbook, I will be updating these references on a continuing basis.
Please have a look to see if the site might be useful to you. Note that the site also contains links to instructional materials, such as slides, discussion questions and answers. You can also sign up for a monthly email list that announces new articles and other resources that (in my highly personal judgment) are likely to be important in the field or useful in instruction.” (Source: Email via Uschi Backes-Gellner)

The website you may find here: https://sites.google.com/view/personnel-economics-resources/home

See also some critical articels  :

  • Spencer, David A. (2013): Barbarians at the gate. A critical appraisal of the influence of economics on the field and practice of HRM. In: Human Resource Management Journal, 23, Heft 4, S. 346-359.
  • Nienhueser, Werner (2016): Socio-economic Research in Personnel versus Personnel Economics. In: Forum for Social Economics, 46, Heft 1, S. 104–119.

Maslow über die Anwendbarkeit seiner Theorie auf die Arbeitswelt

In Teilen der Betriebswirtschaftslehre und in der Arbeits- und Organisationspsychologie gilt Maslows Bedürfnis- und Motivationstheorie als zumindest im Kern zutreffend und man meint, man könne sie auf das Verhalten von Menschen in der Arbeitswelt übertragen. Maslow selbst war hier kritischer:

“My work on motivations came from the clinic, from a study of neurotic people. The carry-over of this theory to the industrial situation has some support from industrial studies, but certainly I would like to see a lot more studies of this kind before feeling finally convinced that this carry-over from the study of neurosis to the study of labor in factories is legitimate. The same thing is true of my studies of self-actualizating people – there is only this one study of mine available. There were many things wrong with the sampling, so many in fact that it must be considered to be, in the classical sense anyway, a bad or poor or inadequate experiment. I am quite willing to concede this – as a matter of fact, I am eager to concede it – because I’m a little worried about this stuff which I consider to be tentative being swallowed whole by all sorts of enthusiastic people, who really should be a little more tentative in the way that I am” (Maslow,1965: 55).

Gut, man könnte dagegen einwenden, dass Maslow eben nicht richtig eingeschätzt habe, wie generalisierbar seine Theorie ist. Ich meine, man sollte sich Maslows Skepsis zum Vorbild nehmen.

Abraham Harold Maslow (April 1, 1908 – June 8, 1970), American professor of psychology who created Maslow’s hierarchy of needs*

Ich stelle die Bedürfnistheorie von Maslow in Vorlesungen nicht mehr vor, obwohl sie zur Historie der Verhaltenstheorien unabdingbar dazu gehört. Der Grund besteht darin, dass Studierende sich in Prüfungen bei der Frage nach Verhaltenstheorien meist nur an die Maslow’sche Bedürfnispyramide erinnern, während andere und besser bewährte Theorien (wie z.B. die Wert-Erwartungs-Theorien oder die Theorie sozialen Lernens) in den Hintergrund treten. Das mag damit zu tun haben, dass die Darstellung der Maslow’schen Theorie in der grafischen Form dazu beiträgt, dass man sie am leichtesten erinnert. Die einfache Darstellung könnte auch eine Ursache für ihre Verbreitung in der Managementlehre sein: Man bekommt die Darstellung als Pyramide so leicht auf eine Powerpoint-Folie und kann die Grundidee leicht erzählen, das geht mit der Wert-Erwartungs-Theorie oder der Theorie sozialen Lernens nicht so ohne Weiteres. (Abgesehen davon kann man mit der Theorie ganz unterschiedliche sozialtechnologische Aussagen begründen, vgl. dazu Nienhüser 1998). Wie gesagt: Maslow selbst hätte gezögert, Gestaltungsempfehlungen für Betriebe, für Lohnsysteme etwa, zu geben.

Literatur

  • Maslow, A.H. 1965: Eupsychian management. Homewood, IL: Irwin.
  • Nienhüser, W. 1998: Die Nutzung personal- und organisationswissenschaftlicher Erkenntnisse in Unternehmen. Eine Analyse der Bestimmungsgründe und Formen auf der Grundlage theoretischer und empirischer Befunde. In: Zeitschrift für Personalforschung, 1998, 12. Jg., H. 1, S. 21-49. PDF zum download), danke an Rainer Hampp-Verlag; die im PDF fehlende Abbildung von Seite 28 finden Sie hier.
  • Bildquelle: I don’t have the copyright for the picture, let me know if this is a probem. Source: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Abraham_Maslow.jpg.