Die Normen fehlen – fehlen die Normen? Axel Honneth kritisiert Pierre Bourdieu

„Allerdings ist diese Analyse sozialer Herrschaft nun so verfasst, dass sie nicht die moralischen Normen oder Rationalitätsgesichtspunkte zu erkennen gibt, auf die die Kritik sich legitimerweise stützen könnte: Bourdieu analysiert die sozialen Verhältnisse vielmehr stets aus der Perspektive eines Beobachters, der sich gegenüber allen Kämpfen um sozialen Distinktionsgewinn gleichermaßen neutral verhält. Nur in manchen Färbungen seiner Terminologie, in einer minutiösen Abänderung des affektiven Gehalts der Sprache kommt die Sympathie zum Tragen, die er zweifellos für die Bemühungen der Unterschichten um die Wiedergewinnung sozialer Ehre besessen hat.

Aber diese indirekten Bekundungen ändern nichts an der Tatsache, dass Bourdieu nicht über die normative Sprache verfügt, die ihm eine Unterscheidung zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten, legitimen und illegitimen Ansprüchen auf soziale Anerkennung erlaubt hätte. Die ganze Tradition einer immanenten Kritik, die in der sozialen Wirklichkeit selber die Gesichtspunkte eines begründeten Einspruchs freizulegen versucht, ist ihm zeitlebens fremd geblieben.

Aus diesem Defizit seiner soziologischen Analysen

Mehr lesen...