Fleischindustrie – Arbeitsbedingungen und (unser aller) Gesundheit

Die Arbeits- und Vertragsbedingungen in der Fleischindustrie sind schon seit Langem inakzeptabel. Warum diskutieren wir erst jetzt darüber intensiver? Ich habe den Eindruck, dass sich in “der Politik” erst etwas bewegt, wenn in Landkreisen wie in Coesfeld und Gütersloh Tausende von Menschen in Quarantäne müssen und Kitas, Kindergärten und Schulen erneut geschlossen werden. Es wäre sehr traurig, wenn es stimmte:  Erst, wenn es viele Wähler*innen betrifft, werden Politiker*innen aktiv – die Werksvertrags-Beschäftigten aus anderen Ländern sind unwichtig. (Ich hoffe nach wie vor, dass diese Einschätzung nicht für alle Politiker*innen gilt.).

Das folgende Video zeigt laut der Webseite Arbeitsunrecht.de den Tönnies-Schlachthof im April 20201. Infektionsschutz? – Null.

 

Danach können sich die Beschäftigten in diesem Unternehmen nicht gegen Infektion schützen. Dann wäre das Unternehmen hauptverantwortlich.

Siehe dazu auch den Beitrag: Neurohr, Wilhelm 2020: “Wie die Corona-Krise Missstände an den Schlachthöfen beseitigen hilft: Die unendliche Geschichte des Schlachtbetriebes Oer-Erkenschwick“. 


1. Die Frage, wann das Video gedreht wurde, ist wichtig. Der SWR hat die Metadaten des Originalvideos analysieren lassen. Danach stammt das Video vom 8. April 2020. Es wurde also nach Inkrafttreten der Hygiene-Verschärfungen in NRW aufgenommen. – Tönnies sagt etwas anderes: Nachdem Tönnies zunächst bestätigt hatte, dass das Video von Anfang April stammt, korrigierte das Unternehmen diese Bestätigung nun und sagt, das Video sei bereits am 28. März aufgenommen worden (Tagesschau v. 19.6.2020).

Hier einige Informationen dazu. Tagesschau v. 19.6.2020: Eine übervolle Kantine, Mindestabstand – Fehlanzeige: Ein Video aus der Tönnies-Fleischfabrik, das dem SWR vorliegt, zeigt Verstöße gegen Hygienevorschriften – nachdem diese vom Land NRW verschärft wurden. Nach Recherchen des SWR hat das Unternehmen Tönnies gegen die Hygienevorschriften des Landes Nordrhein-Westfalen verstoßen, die seit dem 30. März gültig waren. Das belegt ein Video, das in der Betriebskantine von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück aufgenommen und am Montag öffentlich wurde. Nach SWR-Recherchen ist das Video am 8. April dieses Jahres entstanden. Das geht aus einer Analyse der Metadaten des Originalvideos hervor, das dem SWR vorliegt. Das sogenannte Kodierungsdatum ist darauf auf den 8. April 2020 um 8.39 Uhr datiert. Demnach ist das Video nach Inkrafttreten der Hygiene-Verschärfungen in NRW aufgenommen worden.” (Tagesschau vom 19.6.2020).

RP Online schreibt am 19.6.2020: “Rheda-Wiedenbrück Aus dem Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist ein Video aus der Kantine mit mutmaßlichen Verstößen gegen Corona-Präventionsregeln aufgetaucht. Zudem waren dort im Mai Verstöße beim Arbeitsschutz festgestellt worden. Der Sprecher stellte am Freitagmorgen klar, dass es in der Krisenkommunikation eine Panne gegeben habe. Eine Bestätigung, dass das Video von April stamme, sei falsch gewesen. Das Video müsse im März gedreht worden sei, da es seit dem Monatsende bei Tönnies bekannt sei. … Laut Tönnies hatten sich die Arbeiter damals in der Kantine nur mit Kollegen aufgehalten, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen. Das Video zeigt die Mitarbeiter in einem Kantinenraum. Sie sitzen an Tischen nebeneinander und essen. Das Unternehmen erklärte dazu in der Stellungnahme, dass es in dieser Phase der Pandemie keine vermehrten Positivfälle gegeben habe. Seitdem seien die Plätze „erheblich“ reduziert und eine Mundschutzpflicht in der Kantine eingeführt worden. „Wir waren uns bewusst, dass bei all unseren Maßnahmen wir einen Zielkonflikt zwischen der Pandemie-Prävention und der Lebensmittelversorgung haben. Dazu gehört auch eine angemessene Versorgung unserer Mitarbeiter in ihren Pausen“, erklärte Tönnies weiter. … Bei Kontrollen in der Kantine des Schlachtbetriebs hatte der Arbeitsschutz zwischen dem 11. und 18. Mai Mängel zudem festgestellt. Zwischen den Nutzern einer Kantine seien die Abstände zu gering gewesen, teilte ein Sprecher der Bezirksregierung Detmold der Deutschen Presse-Agentur mit. Bei einer Nachkontrolle am 29. Mai seien die Mängel bei den Hygienevorgaben abgestellt gewesen. Auch sei die Zahl der Sitzplätze wie verlangt reduziert worden. … ” (Quelle: RP Online v. 19.6.2020; Hervorhebung durch Kursivschrift: WN)  

Der “Focus“:  “Nach Recherchen des SWR ist das Video am 8. April dieses Jahres entstanden. Das geht aus einer Analyse der Metadaten des Originalvideos hervor, das dem Sender vorliegt.  Das sogenannte Kodierungsdatum des Videos ist datiert auf den 8. April 2020 um 8.39 Uhr. Demnach ist das Video nach Inkrafttreten der Hygiene-Verschärfungen in NRW aufgenommen worden. …  Das im Netz kursierende Video ist uns im Unternehmen seit dem 28. März 2020 bekannt“, erklärte ein Tönnies-Sprecher jetzt der Deutschen Presse-Agentur. In der Krisenkommunikation habe es eine Panne gegeben und eine Bestätigung, dass das Video von Anfang April stamme, sei falsch gewesen.” “Stadtratsmitglied Volker Brüggenjürgen sagte dem SWR, er selbst habe Mitte April an einer Werksführung des Unternehmens teilgenommen und dort ähnliche Zustände vorgefunden, wie in dem Video zu sehen sind.  Für Brüggenjürgen sei es daher offensichtlich, dass bis weit in den April hinein eine ähnliche Situation wie im Video bei Tönnies Alltag war.” (Focus v. 19.6.2020).

Fasst man den bisherigen Informationsstand zusammen, dann hätte es sogar noch bis zum 18. Mai einen zu geringen Abstand zwischen den Arbeitern gegeben (RP Online v. 19.6.2020). 

 

.

Prälat Peter Kossen ruft Arbeitsmigranten zu Streiks auf

“In der plattdeutschen Reihe „Dat kannst´ mi glööven“ im NDR Radio Niedersachsen gestaltet Peter Kossen in der Zeit vom 16.-20. März 2020 die täglichen Mittagsandachten um 14.15 Uhr zum Thema Würde und Gerechtigkeit. Er vergleicht die Arbeitsmigration der „Hollandgänger“ im 18. und 19. Jahrhundert mit der Situation der ost- und südosteuropäischen Arbeitsmigranten heute. „Die Heimat der Arbeitsmigranten von damals, meine Heimat, ist heute zum Schauplatz moderner Sklaverei geworden“, so Kossen. „Man könnte annehmen, dass Menschen aus Rumänien und Bulgarien im Oldenburger Land und im Münsterland Fürsorge und Wertschätzung erfahren. Ihre Schwerstarbeit in der Fleischindustrie, in Ausstallkolonnen, bei Gebäudereinigern und bei Paketdiensten will hier ja sonst auch keiner tun. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Wie Maschinen werden Frauen und Männer angemietet, verschlissen und aussortiert, ausgebeutet, betrogen und gedemütigt – Wegwerfmenschen statt Mitbürger!“ Schwere Menschenrechtsverletzungen gebe es in unserem Land tagtäglich hunderttausendfach an dieser Gruppe von Mitbürgern, so Kossen. „Moderne Sklaverei ist die Wirklichkeit.“ Er nennt Unternehmen beim Namen: „Wenn der Wernsing-Feinkost-Konzern immer schon ohne Werkvertragsarbeiter auskommt und die Großschlachterei „Böseler Goldschmaus“ die Arbeiter fest anstellt und ihnen Wohnungen baut, warum dann nicht Tönnies, Heidemark, Plukon, Wiesenhof, Geestland, Sprehe, Westfleisch, Vion, Danish Crown und die Meyer-Werft?“ Kossen ruft die Arbeitsmigranten zu Streiks auf. „Erst wenn sie die Sklavenarbeit verweigern, werden die Unternehmen und wird die Gesellschaft spüren, was sie an diesen Menschen haben, wie würdelos und ungerecht die Ausbeutung und Abzocke dieser Frauen und Männer ist.“ Kossen regt an, dass Gruppen und Personen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, in Erwägung ziehen, Ihr Engagement auszuweiten auf die große Gruppe der Arbeitsmigranten. „Die Fachkenntnisse darüber, was zu einer gelingenden Integration in die Gesellschaft nötig ist (Wohnungen, Sprachkurse, Behördenkontakte, informelle Treffpunkte, Ausbildungsplätze, Zugang zu Sportvereinen und anderen Freizeitaktivitäten…) – diese Fachkenntnisse bringen die Engagierten der Flüchtlingshilfe mit. Und die Arbeitsmigranten aus Ost- und Südosteuropa brauchen sie so dringend und finden bisher fast nichts davon vor!“ Und er zitiert eine Dame, die in Lengerich sehr engagiert ist im Sportbereich und die beobachtet: „Die geflohenen Menschen finden den Weg in unsere Sportvereine, die Arbeitsmigranten nie.“

Kossen erinnert an die Aussage Dietrich Bonhoeffers, es könne die Situation eintreten, in der es für die Kirchen darauf ankäme „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“ Dann müsse die Kirche genau dort stehen, sagt Kossen, und Widerstand leisten gegen Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt. Denn „eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“. Dieser Dienst bedeute, denen zu helfen, die unter die Räder geraten sind, und die Räder moderner Sklaverei anzuhalten.

„Christentum heißt: Aufbegehren gegen Unrecht und Streiten und Streiken für Würde und Gerechtigkeit!“ ”

Peter Kossen – Kolpingstraße 14, 49525 Lengerich – 05481 8461592 (kossen@bistum-muenster.de)

Siehe dazu auch die Beiträge bei Labournet.

“Organizing Youtube”: IG Metall startet gemeinsam mit der Youtubers Union die FairTube-Kampagne.

Interessant: Die IG Metall startet gemeinsam mit der Youtubers Union die FairTube-Kampagne. Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der YouTuber*innen.

Mehr dazu hier: Valentin Niebler 2019: Organizing YouTube – Warum sich YouTuber*innen für bessere Arbeitsbedingungen organisieren und was das mit der Zukunft von Internet-Plattformen zu tun hat. https://www.rosalux.de/publikation/id/41394/organizing-youtube vom 16.12.2019